Jedes Jahr…

Es ist wieder so weit.
Mein Herz knackst bedrohlich, es drohen die alten Wunden aufzubersten.
Mein Innerstes wendet sich nach außen, das Blutrot tropft mir viel zu schnell durch die Adern. Meine Atmung geht viel zu schnell. Tränen verstopfen die Luftröhre und es tut weh, wenn ich atme.
Ich renne fast, schluchze den Batzen in der Kehle weg. Nichts hilft.
Da.
Die erste Träne rollt aus dem Auge. Scheiße, ich will das nicht.
Ich bin groß.
Es ist so lange her, ich brauche mich nicht mehr damit zu beschäftigen.
Aus dem anderen Augenwinkel rinnt die nächste Träne.
Mein Hals fühlt sich rau und wund an.
Bilder tauchen auf.
Ich sehe eine kleine Hand, sehr sanft, sehr zart, mit langen Fingernägeln, ich halte diese Hand, drehe sie um, sehe wie sich die Haut von der Innenfläche abschält.
Ich streichel die Hand und werde zurück gestreichelt.
Sanft fahre ich über Fingerkuppen, über die sich pellende Haut, sehe die neue rosige Haut. Seltsam, wie sehr sich der menschliche Körper erneuert.
Mein Herz krampft sich in unendlichem Schmerz zusammen.
Das nächste Bild.
Ich liege auf dem mageren Brustkorb, spüre unter meinem Kopf sämtliche Rippen sich herauspressen, höre wie dieses Herz mit lauten Schlägen weiterhin Blut durch die Adern treibt. Langsam, ruhig, so als wäre es unantastbar. Eine Hand verirrt sich in meine Haare und streichelt mich ebenso ruhig und dauerhaft wie das Herz schlägt. Ich umschlinge den aufgedunsenen Bauch, in dem der Krebs wütet und halte mich fast zu fest, vor lauter Angst, dass das Pochen aussetzt.
Seitdem kann ich auf keinem Brustkorb mehr liegen, ohne mich zu ängstigen, dass das Herz, was ich liebe, plötzlich aufhört zu schlagen.
Das nächste Bild.
Ich schaue aus dem Fenster, sehe auf den Zwetschgenbaum, an dem die Früchte reifen.
„Du kümmerst Dich um die Beerdigung? Die anderen schaffen das nicht.“
„Ja“, antworte ich fest und sicher.
Das satte Grün des Rasens und die zarte Tönung der Zwetschgen werden grau. Alles fällt in sich zusammen.
Zersplittert in dem Wissen, dass bald alles vorbei sein wird, denn der Tod ist da.
Aber so ist das Leben.
Endlich.
Und doch.
Jedes Jahr um die Zeit wird mir das Herz so schwer und ich fange an zu weinen.
Einfach so, während ich in der Bahn sitze, zu Fuß nach Hause laufe oder ich Bilder und Stimmen höre.
Es wird nie aufhören. Oder?

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Facettengedanken…

Wolken ballen sich zusammen. Wieder einmal. Dabei ist August. Ein Sommermonat. Von Sommer war in den letzten Wochen nichts zu spüren. Kein Flimmern der Luft, keine Hitzewelle, die sich auf die Stadt drückt, stattdessen ein heftiger Wind, der immer wieder den Regen vor sich hertriebt. Nicht allzu kalt, aber auch nicht allzu warm.

Mit unterschlagenen Beinen überließ sie sich ihren Gedanken. Jugend lärmte unter dem Fenster, sie fühlte sich schrecklich alterslos alt. Ihr Fleisch dagegen saß noch fest an den Knochen, ihre Muskeln und Sehnen waren kräftig und nichts ließ von außen erkennen, dass es ihr nicht gut ging.

Ein Blitz zuckt durch das dunkle Gewölk, ein tiefes Grollen ist die Antwort. Schneller als gedacht platzt der Regen auf Dächer, färbt die Bäume hellglänzend und stürzt das Fenster herab.

Sie drehte den Kopf und beobachtete, wie die Schirme schnell blumenkelchgleich geöffnet wurden, nur viel trister.
Ein Seufzer.
Sie war gerade wieder erdenschwer, das Leben als Doppelpackung. Wie konnte man zwei Leben ohne daran kaputt zu gehen, leben?
Das ging nicht und das wusste sie auch, sie wartete nur darauf, dass sich das endlich selbst auflöste.
Konnte sie sich hingeben, ohne dass sie sich aufgab.
Wer war sie gestern Abend?
Sie dachte zurück und klemmte ihre Beine noch enger zusammen.
Hatte sie sich so hingeben, dass es IHR Spaß macht oder IHM nur die Lust vergrößerte? Früher war das alles so klar, oder?
Sie gab sich dem jeweiligen Mann hin, damit ER Spaß hatte, daraus zog sie IHRE Lust.
So lief es jahrelang ab und befriedigte nur bedingt bis gar nicht.

Wie viele Personen konnte sie denn sein, ohne dass sie sich ständig fragen muss, ob das nun so richtig gewesen war, ob das wirklich sie gewesen sei. Sie trat wieder aus dem Körper und überließ sich einer Facette, ohne jedoch alle anderen zu aktivieren.
Das war nur wieder ein Teil, nicht sie komplett. Anstatt mit allen Fasern ihres Körpers und Geistes dabei zu sein, hatte sie sich willig ihrer Facette überlassen.

Sie senkte demütig den Kopf und überließ sich heute der Moral, die sich übergroß in ihr positionierte.

Der Regen fällt nun sanfter zu Erde, sein Rauschen beruhigt aufgewühlte Geister und kann Frieden schenken, wenn man sich darauf einlässt.

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Schwarzes Dings und dennoch bunt

Einmal im Jahr, so gegen Kirschblütenzeit, hüpft ein kleines Mädchen durch das feuchte Gras.
Dabei trifft es, wie jedes Jahr, auf ein schwarzes Dings, was traurig in dem Schatten eines alten mächtigen Baumes sitzt und entsetzlich verloren wirkt. Das kleine Mädchen hockt sich vor das schwarze Dings, schaut es ernst an und fragt endlich nach einer langen Zeit:
„Wer bist Du?“
Nach einer weiteren langen Zeit rollen dem schwarzen Dings zwei dicke schwarze Tränen die mageren schwarzen Wangen herunter.
„Ohje“, sagt das Mädchen, streckt einen Zeigefinger aus, um die Tränen aufzufangen, um sie so besser probieren zu können.
„Ohje“, macht es wieder. „Ganz salzig. Ohje!“
Es beugt sich nach vorne, umschlingt das schwarze Dings mit seinen kleinen Kinderarmen und streichelt sanft den Hinterkopf.
„Scccchhhht“, macht es. „Es ist gar nicht schlimm, schwarz, ein Dings und traurig zu sein. Ich lieb Dich trotzdem.“
Ein Schluchzen durchläuft das schwarze Dings.
„Komm ma her“, sanft hebt das kleine Mädchen das Gesicht des schwarzen Dings empor, küsst es lachend auf den Mund, umarmt es noch einmal kräftig und läuft dann lachend davon, weil es durch zwei Schmetterlinge abgelenkt wird.
Das schwarze Dings aber sitzt noch ein bisschend weinend unter dem alten Baum, umschlingt seine Knie und war froh, dass es anscheinend gut so war wie es ist.

Das Lied erscheint mir so passend. Sehr sogar.

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Gewichtig

Sie konnte keinem davon erzählen. Sie würde angeschaut und erstaunt, mitleidig angelächelt werden. So war das.
Wieso konnte sich kaum jemand dahingehend in sie hineinversetzen?
Sie konnte das Gefühl ganz genau erklären. Es fraß sich vom Bauch in den Kopf hinein, schlug Wurzeln und krallte sich sowohl in den Eingeweiden als auch in den Gehirnwindungen fest. Jeder noch so kleine Gedanke drehte sich letztlich um das Gefühl, das sich in ihrem Körper breit machte.
Sie zögerte, entschloss sich, trat mutig nach vorne und wartete. Ließ den Kopf sinken, als die Zahl zum Stillstand kam. Zu viel. Zwei, drei Kilo zu viel. Sie fühlte sich aufgebläht, sie schaute sich im Spiegel an.
Sie wog sich immer nur im Höschen, sonst war sie nackt.
Sie schalt sich, dass sie es wieder nicht geschafft hatte. Dabei ließ sie doch schon den Zucker weg. Was noch? Was will ihr Scheißkörper denn noch?
Sie blickte sich an, kniff sich fest in die Hautfalte, die über die Boxershort zu quellen schien. Ihr Bauch verzerrte sich nach vorne, sodass sich der Nabel nach außen stülpte, ihre Schenkel rieben bedenklich aneinander.
Stimmt, ihre Jeans wies in der Innenseite zwischen den Oberschenkeln kleine Löcher auf. Dass der Jeansstoff extrem dünn war, warf sie nicht in die Waagschale.
Sie blickte sich an und seufzte tief auf.
Strich sich mit den Händen über ihre kleine Trommel, die nur sie sah.

Was für ein Gefühl? Sie hatte ihren Körper unter Kontrolle. Sie disziplinierte sich dahingehend, dass er sich ihrem Willen unterwerfen musste. Wie konnte sie das den anderen begreiflich machen, dass dies das Einzige war, das sie im Griff hatte und wenn ihr dieser Bereich entglitt, sie nichts mehr besaß? Hier funktionierte alles so, wie sie es wollte, aber anscheinend machte ihr Körper jetzt nicht mehr mit. Er rebellierte, indem er zunahm.
Sie war daher sehr unglücklich.
Niemand nahm ihren Schmerz ernst.
Niemand bemühte sich, die Verzweiflung, die sie darüber empfand, ernst zu nehmen. Sie konnte mit keinem darüber richtig reden, weil das ja ein Luxusproblem ist. Nur nahm dieser Luxus derart Raum ein, dass sie an keine anderen Probleme mehr denken konnte. Eigentlich auch ganz praktisch, führte sie den Gedanken zu Ende: So kann ich meine anderen Sorgen ausblenden. Mein dicker Körper ist meine Hauptsorge, alle anderen stellen sich bitte hinten an.
Sie hatte keine rechte Freude mehr: Alles kreiste nur noch ums Essen, um die Angst der Gewichtszunahme, sodass sie sich jede kulinarische Freude versagte. Sie wollte nicht zunehmen, sie wollte dünn bleiben, sie wollte wenigstens in einem Bereich ihres Lebens die Zügel in der Hand halten.
Mens sana in corpore sano.

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Sondern weil ich es so will….

Endlich wieder ein Kerl, der zwar nicht weiß, was er tut, aber das tut er die ganze Nacht. Ein Hoch auf Signora Ciccone. The godmother of sex.
Doch halt.
Was ist letztlich wichtig in der Kiste?
Wem will ich was beweisen? Mir oder ihm/ihr?
Letztendlich will ich kommen, will ich begehrt werden und zeigen, dass ich es drauf habe, oder?
Nachts, wummernder Bass und schwitzende Leiber vermischen sich zu einem undurchsichtigen Knäuel aus Fleisch, Blut und Knochen.
Was ist wichtig?
Dass ich mich an der Toilettenwand abstütze, während ich von einem zwielichtigen Kerl von hinten gebumst werde?
Ein kurzer Blick der Klarheit lässt mich den urinverschmierten Rand betrachten, lässt mich die braunen Sprenkel in der Innenseite sehen. Meine Nase nähert sich dem Spülkasten, der von unzähligen Zigarettenabdrücken verbrannt worden ist. Es stinkt. Mein Rücken wird von dem Typen hinter mir tief durchgedrückt, das Becken hochgezogen, rhythmisch und mit einer Beharrlichkeit stößt er in mich.
Neben mir höre ich, wie ein Mädchen heult und kotzt, hinter mir ein brunftiges Stöhnen. Mein Gott, wie lange brauch der denn noch?
Was tue ich hier eigentlich?
Das Klatschen seiner Lenden gegen meinen Arsch geht mir auf die Nerven.
Nicht, dass ich mich vor mir ekel, weil ich ficke.
Ich merke einfach, wie unlustig ich drauf bin.
Schiebe mich daher nach vorne, sodass sein Schwanz aus mir gezogen wird.
„Yayyy, BlowJob“, schon rollt er das Kondom runter.
„Nein. Nix BlowJob“.
Ich bücke mich, er greift nach meinen Hüften, ich zerre mein Jeans wieder nach oben, schubse ihn zur Seite und entriegel die Tür.
Das Weinen nebenan hört auf, ich merke das Lauschen, sehe die anderen Mädchen, wie sie mich groß anstarren.
„Hey, komm zurück. Ich bin noch nicht fertig!“
„Du vielleicht nicht, ich schon“, rufe ich über meine Schulter und wasche meine Hände, schaue mich im zersplitterten Spiegel an. Vor 30 Sekunden hatte ich noch einen großen Penis in mir. Meine Muschi brennt.
Ich ziehe die Tür auf, der Bass, die Wärme und Dunkelheit schlagen mir entgegen, hüllen mich ein. Der Typ greift nach mir, dreht mich zu sich herum und weicht vor meinem Gesichtsausdruck zurück.
Ich gehe weiter, werde angetanzt, angeschubst, meine Muschi ist geschwollen und ich frage mich, was da gerade in mir passiert ist.
Ich bin einfach so gegangen.
Bin ich mir das wert, auf dem Klo von einer No-Name-Number gefickt zu werden? Was verspreche ich mir davon? Dass ich die Heldin in meiner Welt bin, weil mich ein Typ im Club vögelte.
Die Typen sind so austauschbar, ich hätte wohl jeden Schwanzträger haben können.
Ich habe beschlossen in dem Moment als ich die eingebrannten Abdrücke der Zigarette sah, nie wieder zu ficken, weil es sich einfach so gerade ergibt.
Sondern, nur weil ich es wirklich will! Und wie ich es will.
Wenn ich wirklich Bock auf einen Clubklofick habe, dann weil ich es will und nicht, weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe, dem Typen neben mir an der Bar zu beweisen, dass ich ne Drecksau bin.

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Kampf-Los

Ich will verdammt sein.
Ich will schreien. Fluchen. Heulen und wehklagen.
Ich will um mich schlagen und verletzen.
In mir lodert die Flamme des Zorns.

Wer kämpft denn um mich?
KÄMPF UM MICH.

Ich muss mein Herz gürten, es festschnallen und beschützen.
War ich denn blind all die Monate?
Fühlte ich denn falsch?

KÄMPF UM MICH…

Lieb Dich selbst.
Schütze Dich.
Versorge Dich.

Vergiss mich.

Nein. Verflucht….Vergiss mich ja eben nicht.
Tu, was Dir Dein Herz sagt.
Los.
Hab Mut. Dich Deines Herzens zu bedienen.

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Selbst-Lieb-End

Zornig hieb sie das mobile Kommunikationsgerät auf den Badewannenrand. Wieso schrieb er nicht zurück? Wieso liebte er sie nicht so, wie sie ihn?
Schmollend ließ sie sich in das Wasser sinken, das warm und weich ihren Körper umhüllte. Schwaden kräuselten sich im kleinen Bad unter der Decke, sie mochte es, zu baden, auch wenn sie ihren Körper nicht anschauen mochte, der ihr walgleich und madenweiß unter dem Wasser entgegenwaberte.
Sie dachte nach, kaute auf ihrer Unterlippe herum.
Was hatte sie falsch gemacht? Mit gezinkten Karten gespielt? Zu hoch gepokert? Alles blöde Metaphern, sie konnte nur Mau-Mau.

Liebe. Begehren. Sehnsucht. Alles dumme und der Situation unangemessene Wörter, die sich leer anfühlten. Sie blickte an sich herunter, riss die Augen auf, denn aus ihrem Schoß zogen sich dunkle Streifen durch das Wasser. Wirbel und Kreise, dunstige Tropfenkleckse durchdrangen das Wasser, ihr Unterleib fing an zu krampfen. Sie hielt sich mit beiden Händen an dem Wannenrand fest, spreizte die Beine weit und ließ den Kopf in den Nacken fallen. Ein weiterer Krampf durchlief ihren schmächtigen Körper und der Bauch erschien grotesk aufgebläht.
Diese tintigen Fäden färbten das komplette Badewasser dunkel und brackig. Sie erbrach sich in der Wanne, Tränen traten ihr in die Augen, sie weinte, zog den Rotz hoch.
Eine dichte unförmige Masse entwand sich ihrem Unterleib, glitt aus ihr heraus und räkelte sich ihr gegenüber.
Kurz schoss es ihr durch den Kopf, dass das sehr unbequem auf dem Stöpsel sein müsse.
So saßen sie sich gegenüber.
In einem dunklen Meer, das übel roch und in dem kleine Stückchen herumschaukelten.
„Ich bin Du.“
„Ich weiß.“
Sie lächelte zögerlich.
Ihr Gegenüber verzog den Strich zu einer Grimasse.
„Liebst Du mich?“
„Ich habe Dich immer geliebt!“
„Nein. Davon habe ich nie was gemerkt!“
Die Augen ihres Gegenübers wurden feucht und zu ihrer Verwunderung fing das Geschöpf an zu weinen. Es war ganz jämmerlich anzusehen, sodass sie sich nach vorne beugte, die Hand ausstreckte und über den Arm strich. Er fühlte sich ganz bucklig und vernarbt an. Schnell zog sie Hand wieder zurück.
„Tut mir leid.“

Schluchzen.

„Du. Woher sollte ich das denn auch wissen, ich meine…ja…schau Dich doch mal an.“
Das Wesen hob die Augen und blinzelte sie an.
„Aber Du bist doch ich. Wie kannst Du mich nicht mögen?“
„Schau, ich kann mich doch selber gar nicht leiden.“
Sie kniff sich die Oberschenkel.
Rollte an ihrer Bauchhaut eine dicke Wurst zusammen.
Klatschte in die Hände, um das weiche Oberarmfleisch wackeln zu sehen.
Presste das Kinn in die Halsgrube, um ein Doppelkinn präsentieren zu können.
Sie achtete nicht mehr auf das Wesen, sondern lamentierte weiter.
Wie schlecht sie sei.
Wie viel Schuld sie am Unglück anderer trüge.
Und dass sie schlimm schlimm böse sei.
Dass sie immer lügen und betrüge würde.
Dass sie sich zu keiner Entscheidung durchringe, immer nur hinhalte.
Keinen Druck abkönne und anderen dennoch immer zu viel auferlege.

Sie merkte nicht, wie das Wesen sich unter ihren Bewegungen und Aussagen immer mehr krümmte, dass ihm lange spitze Nägel wuchsen, die es sich selbst in den Körper stieß.
Mit seinen langen Eckzähnen biss es sich selbst das Fleisch von den Knochen.
Das Wasser trübte sich immer mehr ein.

Sie erschrak.

„Was tust Du denn da? Hör doch auf. Siehst Du denn nicht, was Du da machst? Bist Du bescheuert?“
Sie krabbelte auf das Wesen zu, das sich mit einer stoischen Gründlichkeit selbst zerfleischte.
Nackt und eklig fand sie das Dingens.
Aber sie drückte ihm die Arme herunter, schlang ihren Körper um den geschundenen und wiegte das weinende Wesen sanft hin und her, so wie das ihre Mama immer bei ihr gemacht hatte.
„Scht….was soll denn das? Hm? Schhhsscccht. Ist ja gut. Komm…hör auf zu weinen!“
Beruhigend strich sie dem Geschöpf über den schwarzen Schädel, streichelte über die knochige Wirbelsäule, die vernarbten Flanken und legte ihren Kopf auf die spitze Schulter. Das Wesen klammerte sich an sie und weinte lautlos.
„Wer bist Du denn? Hm? Wo kommst Du denn her? Wer hat Dich denn so zugerichtet?“
Die Kreatur wurde steif in ihren Armen, richtete sich auf und schob sie auf Armeslänge von sich.
„Das fragst Du, wer ich bin? Wer mich so zugerichtet hat?“
Sie nickte und wollte das Wesen, das ihr gar nicht mehr so grässlich vorkam in dieser ekligen Brühe wieder in die Arme schließen.
Das Geschöpf drängte sich wieder zu ihr, umarmte sie und flüsterte in ihr Ohr:
„Ich bin Du. Deine Eigenliebe.“

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Ungenügend

Das erste Mal seit langer Zeit ohne ihn.
Ihr Herz schmerzte auf eine dumpfe Art und Weise, die sich mit einem Abdrücken von etwas nur grob umschreiben ließ.
Es war als ob die Flügel, die das Herzchen am Flattern gehalten haben, heraus gerissen worden waren und zwei solche Wunden hinterließen, dass der Schmerz so überwältigend war, dass sie ihn gar nicht merkte.
Was bedeuten musste, dass sie gar nicht litt.
Sie suhlte sich nicht in Traurigkeit, denn da war keine, die mit wilden Klauen um sich schlug und alles mit sich riss.
Sie lachte, scherzte, fühlte sich fast gut.
Die Menschen um sie herum waren in Watte gepackt, irgendwie fusselig und weich gezeichnet. Sie nahm sie nicht wirklich wahr. Niemanden nahm sie wahr. Ihr Chef redete wild auf sie ein, während sie mechanisch nickte und lächelte.
Tapfer, denn ihre Nase gaukelte ihr einen Geruch vor, der sie erschüttern ließ.
Schnell den schlechten Kaffee getrunken und weiter gelächelt.
Wollte der Chef denn gar nicht mehr aufhören?
Und schon war sie wieder abgelenkt.
Zigmal wurde das Handy angestarrt, aber das Display zeigte keine neuen Nachrichten an.
Sie lehnte ihr heißes Gesicht an die Scheibe der S-Bahn. Sie konnte nach Hause fahren. Und dachte an all die Fahrten, die sie gemeinsam verbracht hatten. Das Lachen, die Fältchen um die Augen.
Sie war traurig. Aber nicht mehr laut und voller Energie.
Sie fuhr weiter, ließ Haltestelle um Haltestelle hinter sich, die Landschaft zog an ihr vorüber.
Gerne wäre sie aus ihrem Leben geschlüpft, um ein neues unentdecktes anzunehmen.
Da das nicht ging, musste sie bleiben und den Schmerz, der sich ihrer nun doch bemächtigte, aushalten.
Eine Träne rollte über ihre Wange. Nur eine, weil es melodramatisch schön aussah.
Wieder hielt die S-Bahn und wieder fuhr sie an.
Sie schloss die Augen und dachte Sommergedanken.
Weißer Himmel, die Sonne flimmerte auf und ließ das Meer silbern glitzern. Segelboote trieben träge am Horizont und sie selbst fühlte sich faul im Sand liegen.
Möwen- und Kindergekreisch drang an ihr Ohr, die Geräusche wurden durch das Meeresrauschen gedämpft.
Sie drehte sich zur Seite und schaute zum Ufer. Ein strahlender Mann stand da, herrlich, prächtig anzuschauen. Eine junge Frau stand an seiner Seite, schmiegte sich an ihn.
Sie öffnete die Augen.
Es tat doch weh.
Die Vorstellung, niemals zu genügen.
Die Vorstellung, sich selbst eventuell nie zu lieben.

Sie richtete sich auf, zog ihr dünnes Kleid aus Selbstvertrauen vor der Brust zusammen. „So geht das aber nicht“, schalt sie sich selbst in Gedanken aus.

Abhängig? Niemals. Nie mehr. Kleinmachen? Nein. Lügen? Auch das nicht mehr. Schritt für Schritt zu einer der vielleicht großartigsten Lieben, die sie niemals verlassen würde. Zumindest wäre es mal was Neues.

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Genügsam

Ich mache mir Dich zu eigen, verschlinge Dich mit Haut und Haar, lasse meine rotgefärbten Lippen tief in Dein weißes Fleisch fahren. Du schreist, windest Dich, nicht nur vor körperlichem Schmerz, sondern bäumst Dich mir in wilder Lust entgegen. Lachend greife ich zu, stopfe Dich in mein gefräßiges Maul, ohne innezuhalten fresse ich Dich auf, alle Deine klugen, absurden, unwirschen Gedanken. Du willst es doch auch…
„Das ist doch alles Schrott!“, wütend warf sie den Bleistift von sich, schob den Stuhl zurück, stand auf und ging zum Bücherregal.
Buchrücken drängten sich in manngifaltiger Weise zusammen, ungeordnet. Sie fuhr mit dem Fingern die Rücken entlang, fühlte die Kanten, die zerknitterte Brüchigkeit.
Tausend Bücher, tausend Geschichten, Nebenstränge- und schauplätze; der Mensch, das kreative Tier.
„Ich kann nicht. Mein Herz ist gar nicht wirklich traurig. Wie fühle ich mich denn heute?
Keine verzweifelte Trauer, die ihre Klauen in mein Herz schlägt, sondern etwas Eisigeres, Stilleres.
Eine dunkle Todesmüdigkeit. Erschöpft bin ich auch nicht.
Resigniert. Ja, wohl eher eine Resignation. Nicht schlimm.
Aber schon ein kleiner tropfender Tod, der sich aus meinem Herzen presst.“
Sie liebte ihn nicht mehr abgöttisch, ja verzweifelt vergötternd.
Sie versuchte sich zu konzentrieren.
Ein kleines Tier nagte an ihrem Herzen: Die Zukunft. Fröhlich wie ein Meisenjunges pickte sie an dem schwarz puckernden Ding.
Ein Krampf durchlief ihren Körper.
Die Zukunft hüpfte weiter fröhlich herum und spulte einen grässlichen Film ab, der sie innerlich wurmgleich winden ließ.
Das schwarze Dings, die dunkle Facette, zog seine Beine näher heran und legte den Kopf auf die Knie.
Dumpf überließ sie sich ihrer Facette, jetzt quoll die Traurigkeit hoch, eine tintige Flüssigkeit stieg von Füßen über in den Magen bis hin zur Kehle.
Die Augen sammelten die schwarzen Tränen, die Haare legten sich kappengleich und glänzend an den schmalen Kopf.
Eine große Müdigkeit sandte die Facette in ihren Körper.
Schlafen erschien ihr geeignet. Für immer?
ach nein, ein halbes Leben erschien ihr geeignet.
Um dann wieder gestärkt aufzuwachen. Anders, fester, ohne Herzensschmerz, wobei sie eigentlich solche einen verzweifelten Herzensschmerz nicht hatte.
Sie entließ die Liebe und wollte sie für sich erst wirklich erlernen.
Niemals.
„Wie kann ich genügen? Wie kann ich die Zukunft fernhalten. Die Bilder, die ich nicht mehr aus dem Kopf kriege?“

Stolze Frauen, schöne Frauen.

Und sie? Ein Dings. Ein kleines schwarzes Dings. Die Facette nahm übernahm, zog sich ihren Körper wie ein neues Kleid an, er passte wie angegossen, schmiegte sich pelzchengleich an das schwarze Dings.
Verlor sie sich in dieser Facette?
Wie oft musste sie kämpfen, damit sie passend wurde.
Passend wofür?
Für wen?

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Das Goldene Kalb

Eine Revolution.
Eine Weltneuheit.
Ein Aufschrei in einer Szene, wo anscheinend Kreischen die Ausdrucksform des höchsten Entzückens darstellt.
Ein Leben ohne diese Szene ist unmöglich geworden.
Eine Welt, die aus boshaften Subtilitäten, gewaltigen Schreien und einer gehätschelten Langeweile besteht.
Man verbindet sich, obwohl man sich nicht erkennt, man paart sich trotz gegenseitiger Ablehnung. Man spielt gute Laune und Gesundheit vor, obgleich man raucht wie ein Schlot und säuft wie ein Loch, sich verschiedene Drogen in verschiedene Löcher pumpt.
Man ist je nach Tagesform rosig, bleich, grau, aufgeweckt, mürrisch, aber in jedem Fall unverschämt jung. Die Jugendlichkeit wird hochgehalten, angebetet wie das goldene Kalb.
Die Hohepriester fotografieren, retuschieren, digitalisieren um das erwartungsvolle auserwählte Volk zu befriedigen.
Sie zeigen, was möglich sein sollte, ihre Jünger halten an der Lehre fest; obgleich auch sie alt und älter werden, tragen sie das absolut unfehlbare Wissen weiter.
Das Volk, gierig nach dem Wissen, nach der Lehre, kann sich entscheiden, gruppiert sich spaltet sich.
Die Lehre treibt die absonderlichsten Silikonblüten, schmerzhaftesten Faceliftings und absurdesten Work-Outs.
Man schmiert sich Nigthingale-Exkremente ins Gesicht, um einen Porzellanteint zu bekommen, alle jubeln und wer es sich nicht leisten kann, der schaut kummervoll auf die eigenen unschönen roten Bäckchen.
Falten gehören verbannt, die Stirnen werden sich nie in Kummer kräuseln, Nasolabialfalten vermeidet man, indem nicht mehr gelacht werden sollte.
Und dennoch verziehen sich rot geschminkte Münder in große feuchte Fratzen, deren Zungen und Zähne alles am liebsten in die dunkle Höhle stopfen, zerreißen und zerkauen möchten.
Ist Jugend Unschuld? Nein, denn wenn muss der Begriff Unschuld neu definiert werden. Die Jugend hinter der Jugendlichkeit ist alt und reife, da sie schon alles erlebt hat, fast verlebt bis lebensunwillig.
Und dennoch möchte man sie zurück, sobald man ihre letzten Ausläufer zu spüren bekommt.
Mit vollen Händen greift man danach und sinnleer rinnt sie von dannen.
Wo ist unser Moses, der vom Berg Sinai herabsteigt, um das Kalb zu zerschlagen und alle von dieser Knechtschaft zu befreien?
Machen wir uns doch nichts vor: Moses gibt s nicht und wenn würde er sich grell geschminkt, gepudert und in einem Glitzeranzug auf einer Bühne wiederfinden, eine grölende Masse vor ihm.

Man blickt also weiter auf die Auslegeware, die Schönheit sowie Jugendlichkeit verspricht und sieht das Sexsymbol aus Hollywood, gepaart mit einem Produkt, das Frauen vorbehalten ist.
Man bleibt gebannt stehen und wundert sich.
Angegraute Schläfen, schulterlange Haare, die Stirn in leichte Falten gelegt, die Haut unter den Augen dünn, zerfurcht und dunkel. Die Nase etwas aufgeworfener und das angedeutete Lächeln bricht sich auf der Gesichtshaut. Der Blick klar und dennoch nicht mehr ganz frisch.
Ein Erstaunen ergreift den nachdenkenden Betrachter. Ein älteres, fast unretuschiertes Gesicht. Aber dann zieht die Dämmerung herauf.
Das ist ja auch ein Mann.
Brad Pitt, der Werbung für Chanel N°5 macht.
Eine Frau in seinem Alter, kaum retuschiert, gibt es ja nicht, denn Frauen altern nicht, sondern werden ab einem gewissen Zeitpunkt geschlechts-, gesichts- und leblos.
Eine Weltneuheit.
Eine Revolution.
Ich geh dann mal mich kurz übergeben und mir dann mein Liftingserum auftragen.

Foto entnommen: http://www.gq.com/style/blogs/the-gq-eye/brad-pitt-chanel-no5-video.jpg [Stand: 05. Januar 2013]
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